angespielt #002 — Anteloper: Ohoneotree Suite [Kudu]

Kaum eine Veröffentlichung wurde im vergangenen Jahr so frenetisch rezensiert und konnte Einzug in so zahlreiche wie genreübergreifende Jahresbestenlisten halten wie Jaimie „Breezy“ Branchs Debut als Bandleaderin, die gleichermaßen fulminante wie vielseitige Suite „Fly or Die“ auf International Anthem Records (IARC0011).

Mag der spezifische Gegenwartssound der „Windy City“ zwar auch nach der Verlagerung ihres Lebensmittelpunkts nach Brooklyn als Grundton ihres präzisen und dichten Trompetenspiels erhalten geblieben sein, so wird er durch Effekteinsatz, Nachbearbeitung und nicht zuletzt durch die emotionalen Kontraste ihrer Interpretation zu einem Phänomen sui generis moduliert.

Gemeinsam mit Schlagzeuger Jason Nazary (Clebs, So Ghost, Bear in Heaven) wird diese unvergleichliche Klangästhetik im Duo Anteloper nicht nur konsequent fortgeschrieben, der Einsatz synthetischer Klangerzeuger transferiert ihre Präzision, Parsimonität und Textur gewissermaßen ins Breitbildformat und lässt die Hörer*innen der heute angespielten „Ohoneotree Suite“ gleichsam in das cineastische Narrativ eines kratzigen, retro-futuristischen Film Noir eintauchen. In einen Film, in dem Gegenschnitte einer metropolitanen ruhelosen Dystopie – in Halbtotale gedreht – die Nahaufnahmen der wehmütigen Retrospektion einer gebrochenen Titelfigur wiederkehrend überwältigen und dessen Drehbuch in einer Zeit völliger Unkenntnis der techno-sozialen Räume unserer Neuen Normalität verfasst wurde. Dies zieht sich auch durch die gleichermaßen pompöse wie halluzinogene Klanglandschaft, die das Duo über 15 Minuten Spielzeit entwirft und die wiederkehrend durch effektvoll inszenierte Reminiszenzen an den analogen Synthesizerklang einer Epoche durchdrungen wird, deren techno-utopistische Hoffnung nie erfüllt wurde. Das brilliante Wechselspiel des Duos Nazary und Branch lässt ihre jahrelange gemeinsame Spielpraxis spürbar werden und so erhebt sich die Verve des Schlagzeugs zur Gegenstimme der Vulnerabilität der Trompete, droht das branch’sche Spiel, in die emotionale Distanz zu flüchten, wird es von Nazarys unerbittlicher Rhythmik gnadenlos in die Nähe der Kamera zurückgeholt.

Sollte das am 20. April als Kassette und digital erscheinende Album Kudu die großen Versprechen dieses vorab veröffentlichten Spektakels einlösen, ist davon auszugehen, dass letztjähriger Publikumsapplaus auch heuer nicht verstummen wird und den Status der Protagonist*innen sowie des Labels als Ausnahmeerscheinungen weiterhin perpetuieren wird.

Anteloper: Ohoneotree Suite
Kudu
International Anthem Recording Co. – Cass/DL

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