#01 — Aleatorik kontra Form: Ein Gespräch mit Jakob Gnigler

Liebe Menschen da draußen,

herzlich willkommen zur ersten Ausgabe der  »Spielhaltungen«, dem Sendefenster für Explorationen im Grenzgebiet musikalischer Form und Struktur auf FREIRAD, dem Freien Radio Innsbruck.


»I was walking down the street in Trastevere one morning when I saw Steve Lacy, one of our group’s members at the time, coming out of a bar. Without thinking, I went up to him, took out my little recorder and said: „Steve, in fifteen seconds, tell me the difference between composition and improvisation.“

Without hesitation , Steve replied: „In fifteen seconds, the difference between composition and improvisation is that in composition you have all the time you want to think about what to say in fifteen seconds, while in improvisation you have only fifteen seconds.“« (Rzewski 2004, 267)

Nicht nur stellt die Kontroverse zwischen Apologet*innen musikalischer Form und Fürsprecher*innen des Ephemeren seit Beginn des 20. Jahrhunderts eine der Schlüsseldebatten musikwissenschaftlicher Reflexion dar, die Auseinandersetzung über das Spannungsverhältnis von Formlosigkeit und Werk ist auch zentraler Bezugspunkt der musikästhetischen Bewertung.

Auf nahezu paradigmatische Weise entfaltet, spiegelt sich dieser Dissens im thematischen Hauptaugenmerk der ersten »Spielhaltungen« wider – das (potentielle) Spannungsverhältnis zwischen Komposition und Improvisation.

Diesbezüglich habe ich am Rande des artacts’18 mit Jakob Gnigler, Komponist, Saxophonist und sowohl Bandleader als auch Namensgeber des Sextetts Gnigler gesprochen, dessen, zwischen Improvisation und Komposition oszillierende Œuvre, am Schnittpunkt von Jazz, Kammermusik und Neuer Musik, zum Nachsinnen über diese grundsätzlichen Fragen und seine subjektiven Positionen dazu anhält. Ein Gespräch über Improvisation als symbolischer Interaktionszusammenhang zwischen Individuum und Gruppe, als Phänomen zwischen handwerklicher Praxis und Haltungsdoktrin, als gesellschaftspolitische Kategorie, in dem immer die Frage durchschimmert, wie frei Freie Improvisation in effectu sein kann.

Selbstverständlich stellt auch das gemeinsame Hören und Entdecken von Musik ein wesentliches Element der Sendereihe dar. Neben Auszügen aus Gniglers zweitem Langspielformat „Straight On, Downstairs, 2nd Door Left“ (col legno music, 2018) und Handverlesenem aus dem unversiegbaren Neuerscheinungsquell der freien, improvisierten und avantgardistischen Musik lauschen wir privaten Improvisationskonzerten von Jakob Gnigler und Terrie Hessels (The Ex), die ich im Rahmen des artacts’18 in der sound cabs-Installation am St. Johanner Hauptplatz aufzeichnen konnte.

 

Die Sendung wird am 25.03.2018 von 23:00 bis 01:00 Uhr auf Freirad, dem freien Radio Innsbruck übertragen (Livestream), die Aufzeichnung werde ich im Anschluss daran in diesem Posting ergänzen.


Tracklist

1. Subtle Degrees: A Dance that Empties I
A Dance that Empties
NNA Tapes (NNA109) CD/DL/LP

2. Mats Gustafsson & Didi Kern: Marvel Motor 1
Marvel Motor
Rock is Hell Records (RIP76) DL/LP

3. Kate Carr: I Ended out Moving to Brixton (Excerpt)
I Ended out Moving to Brixton
Flaming Pines (FLP066) CD/DL

4. Terrie Hessels: Improvisation sound cabs artacts’18
artacts’18
Private Recording (Bernhard Oskar Schneider)

5. Jakob Gnigler: Improvisation sound cabs artacts’18
artacts’18
Private Recording (Bernhard Oskar Schneider)

6. Gnigler: Kunstgriff 13
Straight On, Downstairs, 2nd Door Left
col legno music (BCE 1CD 16004) CD/DL

7. Gnigler: Zufznac
Straight On, Downstairs, 2nd Door Left
col legno music (BCE 1CD 16004) CD/DL

8. Sun Trash: II. Pointed
Pointed
DL

9. Jack Wright & Dylan van der Schyff: … two in the bush
… two in the bush
Whirrboomm! (Whirrboomm! Disc 001) CD/DL


Literatur

Corbett, John (2016). A listener’s guide to free improvisation, Chicago; London: The University of Chicago Press

Cox, Christoph/Warner, Daniel (2004). Introduction, in: Cox, Christoph/Warner, Daniel (Hrsg.): Audio Culture: Readings in Modern Music, New York; London; New Delhi; Sydney: Bloomsbury, 251–252

Meyer, Karl-A. S. (2008). Improvisation als flüchtige Kunst und die Folgen für die Theaterpädagogik, Berlin: Schibri-Verlag

Niederauer, Martin (2014). Die Widerständigkeiten des Jazz: Sozialgeschichte und Improvisation unter den Imperativen der Kulturindustrie, Frankfurt am Main: PL Academic Research, Imprint der Peter Lang GmbH

Peters, Gary (2009). The Philosophy of Improvisation, Chicago: University of Chicago Press

Rzewski, Frederic (2004). Little Bangs: A Nihilist Theory of Improvisation, in: Cox, Christoph/Warner, Daniel (Hrsg.): Audio Culture: Readings in Modern Music, New York; London; New Delhi; Sydney: Bloomsbury, 266–271

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